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Trauma einfach vergessen? Dissoziation als Schutzmechanismus

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Fragt man schwer traumatisierte Kinder oder Jugendliche nach ihrer Vergangenheit hört man als Therapeut*in nicht selten:

„Ich habe es vergessen.“
„Ich kann mich nicht erinnern.“
„Meine Erinnerung setzt erst ein, als ich eine Jugendliche war. Was davor war, weiß ich nicht mehr.“

Grund dafür ist die sogenannte ,,Dissoziation”, mehr dazu im nächsten Abschnitt. Jedoch wurde noch bis in die 90er Jahre hinein die Ansicht vertreten, Kinder unter drei Jahren hätten aufgrund der mangelnden Gedächtnisentwicklung sowieso keine Erinnerung an die Geschehnisse, sodass sie gar nicht traumatisiert werden könnten.

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Was für ein Glück könnte man denken, das Kind/der oder die Jugendliche hat all das Schreckliche, was ihm/ihr widerfahren ist hinter sich gelassen. Es gibt keine Erinnerungen daran, dann wird das Kind schon keinen Schaden genommen haben.Aber weit gefehlt: Nicht selten leidet diese Person unter dramatischen Traumafolgen, wie Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, selbstverletzendem Verhalten, hohe Anspannung und Nervosität, Taubheit von Gliedmaßen, massiven Wutanfällen, ohne das derjenige/diejenige eine Idee davon hat, dass sich diese Symptome auf die belastenden Lebensereignisse zurückführen lassen.

In diesem Blogartikel geht es darum das Phänomen der sogenannten Dissoziation, also das Abspalten der Traumainhalte im Gedächtnis, zu erläutern und ihre Bedeutung für eine betroffene Person als auch für die Behandlung zu erklären.

Unabhängig davon, ob du therapeutisch oder auch pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen arbeitest oder du dich einfach für das Thema Trauma allgemein interessierst – in diesem Artikel lernst du einen wichtigen Aspekt von schwerer Traumatisierung kennen und beachten.

 

 

Das erwartet dich in diesem Artikel:

 

  • Was ist Dissoziation eigentlich und ist das immer problematisch?
  • Wie erkennt man Dissoziation?
  • Wie entsteht Dissoziation?
  • Dissoziative Störungen können behandelt werden!

 

 

Was ist ,,Dissoziation“ und ist das immer problematisch?

 

Dissoziation ist ein Prozess, der im Alltag vielfältig vorkommt, um nicht zu viel Energie auf Details zu verlieren: So wissen wir manchmal gar nicht genau, wie wir morgens mit dem Auto zur Arbeit gekommen sind und welches andere Auto an der Ampel vor uns angehalten hat. Es ist der Weg, den wir jeden morgen fahren und wir lenken unsere Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Erfassung von Details.
Ein anderes Beispiel: Wir können so tief in ein Computerspiel eintauchen, dass wir die Welt um uns herum vergessen. Dabei können sogar Durst und Hunger in den Hintergrund treten, weil wir hineingezogen werden in die virtuelle Welt.
Dies sind Beispiele von alltäglicher Dissoziationsphänomenen zur Reduktion der Datenvielfalt, um entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Erleidet eine Person nun massiven Stress z. B. durch einen Unfall, dann kann dieser Dissoziations-Mechanismus eine Person vor zu großer Stressbelastung schützen. Die Erinnerung ist nicht verschwunden, sie wird lediglich an unterschiedlichen Orten des Gehirns abgespeichert, um eine emotionale Überflutung und einen Zusammenbruch zu verhindern. Versucht man dann später den Hergang nachzuvollziehen, so fällt es womöglich schwer, das Ereignis in einen räumlich-zeitlichen-Zusammenhang zu bringen. Es dauert, bis alle Teile rekonstruiert sind und wieder im Zusammenhang stehen.

Da die Stresstoleranz für ein Kind aufgrund seiner noch unreifen Entwicklung noch nicht so groß ist, dissoziieren Kinder in der Regel leichter und häufiger als Erwachsene.

Es handelt sich folglich um einen natürlichen Schutzmechanismus, damit wir im Alltag funktionsfähig sind und unsere (begrenzten) Ressourcen sinnvoll nutzen. Bei stressvollen Lebenserfahrungen hilft dieser Mechanismus das Überleben der Person zu sichern, indem sie handlungsfähig bleibt und sich vor einer emotionalen Überflutung schützt.

 

 

Wie erkennt man Dissoziation?

 

Bei einer leichten Form der Dissoziation sehen wir ein „Wegdriften“  oder „Einfrieren“ der betroffenen Kinder und Jugendlichen, ohne dass diese das selbst überhaupt merken. Oft wird dies dann in der Schule als Konzentrationsproblem benannt ohne weitere Ursachenforschung zu betreiben oder als AD(H)S fehldiagnostiziert. Es kann zu abrupten Stimmungswechsel und/oder zu kleinkindhaften Verhalten kommen. So können Wutanfälle genauso wie der Wechsel in weinerliches, quengelndes Verhalten vorkommen.

In der nächsten Stufe sind Taubheit der Gefühle und/oder Körperempfindungen bekannt. Das Kind kann sich als außerhalb seines Körper stehend fühlen, wobei es sich selbst beobachtet (Depersonalisationserleben). Auch kann das Kind die Welt als „unwirklich“, „wie im Traum“ wahrnehmen und nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden können (Derealisation).

Im Rahmen der schweren Dissoziation muss das Kind Empfindungen und Erfahrungen komplett aus seinem Bewusstsein verbannen, um sich z. B. in der Familie (die missbräuchlich ist) einigermaßen sicher zu fühlen. Dabei kann es dazu kommen, dass die Erinnerungen in abgespaltene, emotionale Zustände verschoben wird. In diesen Zuständen ist derjenige auch handlungsfähig und kann weitere Traumata aufnehmen / erleben. Diese inneren emotionalen Zustände werden von der Person als innere Stimmen wahrgenommen, die z. B. den Namen rufen, weinen oder auch Abwertungen formulieren. Sie können auch nach außen treten, dort Handeln und interagieren, ohne dass andere Menschen das merken.

Das Problem jeglicher pathologischer Dissoziation ist, dass die betroffene Person im dissoziativen Zustand keine Lernerfahrungen sammeln kann und sich nicht weiter entwickeln wird. Positive Lebenserfahrungen können nicht im Selbstkonzept des Kindes abgespeichert werden, dieses bleibt unscharf, das Kind kann kein Selbstbewusstsein entwickeln. So leiden zahlreiche Pflegekinder trotz sehr guter Zuwendung und Liebe in der aufnehmenden Familie bis in ihr Erwachsenenleben hinein unter Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, die massiv chronifiziert sein können.

 

 

Wie entsteht eine Dissoziation?

 

Ein Kind, was wenig gute Bindungserfahrungen in den ersten drei Jahren seines Lebens gemacht hat, hat ein erhöhtes Risiko eine dissoziative Störung zu entwickeln. Insbesondere, wenn Kinder durch ihre engsten Bindungspersonen traumatisiert wurden (z. B. durch Gewalt, Vernachlässigung und/oder sexuellen Missbrauch) kommt es zur Ausprägung von dissoziativen Symptomen, da das Kind auf keinen Fall die Beziehung zur Pflegeperson gefährden darf, um kein Risiko für sein Überleben einzugehen. So spaltet es die schlimmen Erfahrungen ab, um in Beziehung zur Bindungsperson zu bleiben. Zu den ambivalenten Bindungserfahrungen kommt zudem eine genetisch veranlagte Neigung zur Dissoziation, die bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Als weiterer Risikofaktor ist das Fehlen positiver Bindungspersonen zu nennen. Schon das Vorhandensein einer helfenden Person im Umfeld (Erzieher*in, Tante, Lehrkraft) kann das Risiko deutlich reduzieren bzw. die Traumafolgen geringer machen und zum Zusammenwachsen von Selbstanteilen und damit zu weniger Dissoziation führen.

 

 

Dissoziative Störungen können behandelt werden!

 

Leider ist es nicht selten, dass das dissoziative Verhalten von Kindern und Jugendlichen übersehen wird, da sie sich ja auch an nichts oder wenig von dem Leid, das sie erleben mussten erinnern. Da immer noch wenig Wissen in Aus- und Weiterbildungen von Erzieher*innen, Psychotherpaeut*innen und Psychiater*innen zu finden ist, sind viele tätige Fachkräfte im Feld nicht auf diese Art von Störungen im kindlichen Verhalten vorbereitet. Zudem fehlt es an diagnostischen Kriterien für Kinder und Jugendliche, sodass es sich manchmal darstellt, als begänne diese Störung erst im Erwachsenenalter. Auch Forschung fehlt in diesem Bereich der kindlichen Verhaltensauffälligkeiten fast völlig. Erst neuerdings hält die Bedeutung von belastenden Lebensereignissen Einzug in die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.

Zudem berichten Kinder und Jugendliche oftmals nicht von selbst von ihren dissoziativen Phänomen. Kinder denken nicht selten, dass das „Stimmenhören“ oder das „Zeit verlieren“ normal sei, dass jeder Mensch dies tut. Erst später in ihrer Entwicklung werden sie gewahr, dass es nur bei ihnen so ist, was die Scham vergrößert und Kinder und Jugendliche alles dafür tun, um so zu sein wie alle anderen auch.

Es ist jedoch festzustellen, dass es gute Behandlungsansätze auch für Kinder und Jugendliche gibt. Obwohl bei dissoziativen Menschen die etablierten Methoden der Traumabehandlung versagen, da in der Traumakonfrontation in der Regel die Abspaltung des Erlebten die Verarbeitung von Traumata verhindert.

Dennoch gibt es Hoffnung. Es bedarf einer besonderen Herangehensweise, um das desintegrierte Selbst der betroffenen Kinder und Jugendliche anzusprechen. Dabei gilt es sozusagen mit der Dissoziation zu arbeiten und nicht sie zu verhindern. Innere, emotionale Zustände sollten angesprochen, beachtet und verstanden werden.  Die Angst vor dem, „was da drin ist“,  muss von dem Betroffenen überwunden werden und dieser soll angeleitet werden, das Innere zu „erforschen“. Die innere Kommunikation sollte angeleitet und gefördert werden. Dies gelingt jedoch nur durch einen außerhalb des Selbst stehenden Menschen, der Fragen und Anregungen nach „Innen“ geben kann, die Ressourcen der Person stärken kann und die Brücke in die Realität bildet.  Gelingt dies, ist Weiterentwicklung der Person und der Weg in ein selbstbestimmtes Leben möglich.

dissoziation Trauma Gleichzeitig ist unbedingt zu beachten, dass bei fortgesetzter Dissoziation trotz guter Behandlung in aller Regel weiter Täterkontakte bestehen können und das können dissoziative Menschen, selbst auf Nachfrage, nicht berichten. Diese von einer solchen Störung betroffenen Kinder und Jugendliche haben keinen Zugang zu dem, was mit ihnen auch aktuell weiter passiert. Es wird quasi – ohne ihr Zutun – aus ihrem Bewusstsein ausgeblendet, damit sie weitermachen können als sei nichts geschehen. Damit sie eben funktionieren.

Diese Mechanismen zu entdecken und den Teufelskreis zu durchbrechen ist eine große Aufgabe in Pädagogik und Psychotherapie, der wir uns im Rahmen komplexer Traumatisierung immer wieder stellen müssen.

 

 

Du möchtest mehr erfahren?

 

Nun hast du den Mechanismus der Dissoziation im Rahmen von Traumatisierung kennengelernt. Du hast erfahren, dass dies ein wichtiger Schutzmechanismus ist, dass dadurch jedoch auch die normale Entwicklung eines Menschen nachhaltig beeinträchtigt werden kann und therapeutische und pädagogische Interventionen nur schwer an ein Kinder herangetragen werden können.

Vielleicht möchtest du ja noch mehr über komplex-traumatisierte Kinder und Jugendliche lernen, dann schau dir doch einmal unsere Fortbildungen an.

 

Lerne uns am 19.11.2022 beim Traumapowertag kennen!

 

Mehr dazu hier.

 

Verfasst von: Dr. Inez Freund-Braier

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