Kind Familie Vertrauen Pädagogik
Icon Fortbildung

Blog

4 Gründe für Bindung vor Bildung: Die irrtümliche Gleichstellung von Kita und Familie

Erfahrungen & Bewertungen zu FreyMuT Academy GmbH
Wave

Das neue Kindergartenjahr hat längst angefangen. Ein großer Teil der Kinder, die in diesem Herbst in die Betreuung außerhalb ihres Elternhauses gestartet sind, haben ihren ersten Geburtstag vielleicht gerade gefeiert.

In diesem Artikel möchten wir darauf aufmerksam machen, wie wichtig das kurze Zeitfenster von 0 – 3 Jahren für die Entwicklung eines stabilen Selbstwertes in der frühen Kindheit ist.

 

Es stellt sich die Frage: Ist Professionalisierung auch für das Kindeswohl das Beste?

Wir lagern immer mehr Tätigkeiten aus, auch im privaten Familienleben. Um den Garten kümmert sich der Gärtner, die Waschmaschine repariert der Fachmann, die Reinigung des Hauses externe Kräfte. Die Kinderbetreuung und Förderung übernehmen dafür ausgebildete pädagogische Fachkräfte, die es ja am besten wissen müssen.

In den 15 Jahren aktiver Arbeit in der frühen Betreuung konnte ich mir ein gutes Bild von dem aktuell vorherrschendem Betreuungssystem machen und habe die Ansprüche und Erwartungen der kleinen Kinder zu erfüllen versucht. Mit der Zeit, meinen Ausbildungen und vielen Gesprächen mit Fachleuten ist mir klar geworden, dass das gar nicht geht. Ich kann ein Kind mit 9/ 12/ 14 Lebensmonaten kognitiv noch nicht erreichen und schon gar nicht die Rolle, der vom Kind gewählten Bezugsperson übernehmen. Hier ist über eine lange Zeit ein Band der Bindung geknüpft worden.

 

1. Ein Kind braucht vor allem diese zwei Dinge, um innerlich stabil in die Welt hinein zu wachsen:

Geduld und Zuverlässigkeit sind unentbehrlich, denn ein Kind übergibt alles was es seelisch und körperlich noch nicht aushalten kann und sich deshalb davon bedroht fühlt, seinen Bezugspersonen. Es teilt sich über Blicke, Gesten, Weinen, Handlungen u. ä. mit. Seine  Mitteilungen müssen gesehen, gefühlt und übersetzt werden und dadurch für das Kind einen Sinn erhalten. Das können nur Menschen leisten, die das Kind in all seinen Verhaltensnuancen gut kennen und schon lange aufmerksam gepflegt und betreut haben und ausreichend feinfühlig sind.

Die gegenseitige Abstimmung zwischen Eltern und Kind ist nicht störungsfrei. Verhalten kann fehl gedeutet  oder Bedürfnisse nicht  ausreichend befriedigt werden.  Aber  aus dem Wechselspiel erschaffen Kind und Eltern noch einmal ganz  persönlich die Welt. Das ist der  bedeutendste Lernweg in den ersten drei Lebensjahren. Eltern haben sich dem Kind von Geburt an immer wieder als  Gegenüber angeboten. Das ist der Ausdruck ihrer Liebe und ihrer Verantwortung.

Das Kind hat für sich und sein Gefühl seine Hauptbezugsperson „gewählt“,  in sie wird nun all das Vertrauen investiert, ebenso seine eine  Erwartung „Erkläre mir die Welt und hilf mir mich zu verstehen“.

Kind Familie Vertrauen Pädagogik

 

2. Mit 13 Monaten in die Kita? Das passiert beim Wechsel zur Kinderbetreuung:

Das Befinden des Kindes den Tag über wird begleitet durch innere Botenstoffe wie z. B. Adrenalin und Cortisol. Diese Stresshormone steuern in einem Netzwerk im Gehirn, dem limbischen System, die seelischen und körperlichen Zustände des Kindes. Das limbische System  entwickelt sich in den ersten Lebensjahren durch die täglichen kindlichen Erfahrungen und wird dann ein Leben lang diese Reaktionsmuster beibehalten. Das was ein Kind nun in den ersten Lebensjahren als Reaktion seiner Umwelt auf sein Verhalten erlebt, wird sich das limbische System „merken“. Die Familienwelt und das Verhalten der Bezugspersonen  sind für das  kleine Kind  gut vorhersehbar, es weiß, was es erwarten kann. Anders gesagt  die Umwelt verhält sich „kontrolliert“ und damit ist der Stress gering.

Mit der Aufnahme in die Krippe wird das kleine Kind eine Außenwelt übergeben, die nach anderen Kriterien und Ordnungen läuft, als das Familiensystem. Es ist eine verhängnisvolle Verwechslung anzunehmen, die KiTa sei eine erweiterte Familienblase für ein unter dreijähriges Kind. Es ist nicht nur an der fehlenden Zeit sich dem einzelnen Kind sich zuzuwenden. Die Entwicklung kann in der Krippe nur entsprechend ihrer  Regeln und Möglichkeiten  unterstützt werden über leisten, anpassen, vernünftig sein.

Wir werden auf dieses Wissen mit der Nase gestoßen, sobald die Primärbeziehungen (zu Mutter/ Vater) versagen. Dann wird deutlich, dass keine öffentliche Institution dieses Versagen wirklich ausgleichen oder beheben kann. Besonders hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung und der Denkfähigkeit, ist allenfalls eine Milderung möglich. Aus diesem Grund können Institutionen wie die KiTa, die Wirkung der Familie nicht ersetzen.

 

3. Wie viel Achtsamkeit erfahren Kinder in der frühen Betreuung wirklich?

Das Recht auf Förderung und Bildung legitimiert scheinbar eine weitere Besonderheit in der Moderne: die frühe Trennung von den ersten Bezugspersonen, meist den Eltern, durch die frühe institutionelle Erziehung.

In den Institutionen, so lautet das Versprechen, werden die Kinder (bestens) professionell betreut und (maximal) gefördert. Das Wissen um die frühe seelische und körperliche Entwicklung und der Umgang mit den Fähigkeiten kleiner Kinder, also die Frühpädagogik, hat  sich erheblich erweitert. Wer sich darin auskennt, hat eine besondere Kompetenz erworben, die ihn befähigt, gezielt kleine Menschen beim Aufwachsen zu unterstützen. Aber  Unterstützung ist zu kurz gegriffen. Es geht um Achtsamkeit – fast schon ein Modewort geworden -, um eine Haltung sich selbst und anderen gegenüber.  Achtsamkeit wird zur Zeit favorisiert als die entscheidende Hilfe zur Selbstentwicklung der Erwachsenen. Wie aber steht es um die Achtsamkeit gegenüber Kindern? Verdienen Kinder Achtsamkeit oder gilt das erst für das Erwachsenenalter?

 

4. Ein Mensch wird am DU zum ICH!

Hier sind die ersten 2,5 bis 3 Lebensjahre entscheidend. Wird ein Kind in dieser Zeit institutionell betreut, ist es von großer Bedeutung, wie feinfühlig die Zeit gestaltet wird. Personalmangel und mangelnde Wertschätzung des Berufes verhindern in den meisten Fällen die nötige Achtsamkeit im Umgang mit dem kleinen Kind. Hohe Fluktuation in den Einrichtungen, Schichtwechsel, Urlaub, Schwangerschaft, Krankheit der Betreuungspersonen machen es fast unmöglich eine stabile Bindung zu einer weiteren Bezugsperson außerhalb des Familiengefüges herzustellen. Supervisionen für Erzieher:innen sind eher selten und bei Tagespflegepersonen fehlen sie gänzlich.

Die Qualität ist nachgewiesen miserabel und die Prognose für die nächsten Jahre sieht düster aus.

 

Was ist die Lösung?

Wie kann nun frühe Betreuung – oder eher gesagt ihre  Erweiterung  auf  „sekundäre Bezugspersonen“ gelingen? Hier ein paar Denkanstöße:

  • Das bewusst machen der kindlichen Bedürfnisse und die Übernahme der Verantwortung für diese sensible Lebensphase.
  • Verlängerung des Elterngeldes – was wirtschaftlich machbar ist, da ein Krippenplatz mindestens 1200,00 € monatlich kostet, der ja dann nicht in Anspruch genommen wird.
  • Übernehmende Verantwortung seitens der Arbeitgeber.
  • Eine Normalisierung  für die Einbeziehung der Väter während der ersten Lebensjahre.
  • Aufklärung und Begleitung der Eltern bei der Gestaltung der Betreuungsfrage.

Du hast mehr Lösungsansätze und Tipps zur Veränderung? Teile Sie uns gerne hier mit und werde Teil der Community: https://das-verstaatlichte-kind.de/

Ein Kind folgt seinem inneren Trieb, der immer zwischen Neugier und Angst schwankt. Es braucht einen Menschen in der Nähe, der es genau kennt und weiß, wie viel das Kind schafft und was ihm zuzutrauen ist. Ein Kind entfernt sich vom sicheren Hafen, mit einem großen Hoffnungspaket im Gepäck. Es kann sich immer wieder rückversichern!

Mit dieser Sicherheit erkundet das Kind im zweiten Lebensjahr die Welt. Entscheidend hierbei ist, dass diese Programmierungen für das ganze Leben geschaltet werden. Das Kind bildet das sogenannte Urvertrauen.

 

Unterstützung für Eltern und Familien ist unbedingt nötig!

Es geht nicht um das ,,bashing“ der frühen Kinderbetreuung.

Es geht um die nötigen Rahmenbedingungen und die Übernahme von Verantwortung! Verantwortung der Politik, Verantwortung der Gesellschaft und Verantwortung der Eltern für das Wohlergehen ihrer Kinder.

Das in unserem Jahrhundert existierende Bild des Kindes transportiert die Überzeugung: „Ein Kind braucht Unterstützung und seine vorhandenen Anlagen brauchen Förderung“. Davon ausgehend wurden Rechte des Kindes formuliert, u. a. das Recht auf Schutz und Unversehrtheit, besonders ein Recht auf Förderung und Bildung

Kind Familie Vertrauen Pädagogik

 

Ein Gedanke zum Schluss:

Der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm spricht in diesem Zusammenhang  vom „Organisationsmenschen“, den die moderne Gesellschaft braucht (vgl. Erikson 1999).  Er glaube, lediglich  gut zu funktionieren, sich nach dem zu richten, was praktisch und vernünftig ist, der glaubt schlau zu sein, rational zu handeln.  Aber  er  merke nicht, dass er sich der Organisation unterwirft und gehorcht.

Wollen wir, dass sich die Realität in der frühen Betreuung optimiert, ist unbedingt Handlungsbedarf!

 

Du möchtest Teil der Veränderung sein?

Wir möchten dich in deiner pädagogischen und/oder therapeutischen Arbeit unterstützen und dir die nötigen Werkzeuge an die Hand geben! Wir wissen: Traumaarbeit und Leichtigkeit – das geht! Dafür braucht es allerdings etwas von dir: Selbstfürsorge und innere Sicherheit und Stabilität. Denn nur wenn es dir gut geht, kannst du deinen Klient*innen ein Anker sein.

 

Finde hier ein passendes Angebot für dich:

Hier gibt’s Traumafortbildungen für:

 

Gesellschaft für frühkindliche Bindung

„Auf den Anfang kommt es an“

www.fruehe-bindung.de

kontakt@fruehe-bindung.de

 

Verfasst von:

Claudija Stolz

Dr. Agathe Israel

×

Dein kostenloses Ebook

Jedes Verhalten hat einen guten Grund!

Was haben die psychischen Grundbedürfnisse mit einem Trauma zu tun? Ist dir schon einmal der stressorbasierte Ansatz begegnet?

Was das überhaupt ist und noch viel mehr erfährst du in dem neuen kostenlosen Ebook von Gunda Frey und Diana Steen.