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Ran ans Trauma

Erfahrungen & Bewertungen zu FreyMuT Academy GmbH

Trauma und Konflikte händeln mit der Emotionszwiebel

Die beiden Betreuerinnen der Jugendwohngruppe sitzen geknickt auf dem Sofa, tunken schweigend den Teebeutel in ihre Tassen und fühlen sich wie im falschen Film. Dabei hätte genau jetzt der  Film “Tschick” für ihre Jungs und Mädels über die Leinwand flimmern sollen. Sie hatten sich extra viel Mühe gegeben. Alles für den A….! Stattdessen liegt Popcorn auf dem Boden verteilt, der Beamer brummt leer vor sich hin und alle sind in ihren Zimmern. 

“Ich weiß ja, dass es die Kids schwer haben, mit ihren Geschichten und ihrem ganzen Trauma, aber ich dachte, sie freuen sich, wenn wir sie mit einem richtig schönen Kinoabend überraschen. Pustekuchen…” murmelt die eine Betreuerin vor sich hin. 

Ihre Kollegin stimmt ein: “Das haben wir davon, von unserer Mühe und den Überstunden. Nur Gemotze und Geschrei. Die eine findet den Film schei…, der andere hat ihn schon gesehen und die dritte hat keinen Bock auf uns. Ich weiß einfach nicht, warum sie gleich so ausrasten müssen. Warum ist kein friedlicher Abend mit den Kids möglich? Wir haben doch alles gegeben.”

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Ihr Versuch, mit einem Kinoabend Freude zu bereiten und einen harmonischen Abend in der Wohngruppe zu gestalten, endete für die Betreuerinnen in Chaos und Frustration. Die Frage nach dem Grund für solch heftigen Reaktionen auf gut gemeinte Gesten wirft einen Spot auf die Herausforderungen bei der Begleitung von belasteten Kindern mit Traumata.

Die Betreuerinnen fühlen sich im Stich gelassen, ihre Bemühungen scheinen auf taube Ohren zu stoßen. Der Wunsch nach Harmonie und gemeinsamen Aktivitäten wird von aufbrausenden Emotionen und Konflikten überschattet.

Kennst du das? Du strengst dich für die Kinder und Jugendlichen an, die du begleitest, weißt um ihre Belastungen, ihr Trauma und willst es ihnen mit deiner Zuwendung möglichst einfach machen. Doch statt Harmonie erntest du Zoff und krasse Konflikte. Warum erhältst du immer wieder eine Klatsche für deine Bemühungen?

In diesem Artikel erfährst du, wie du durch die Anwendung eines effektiven Werkzeugs, der ‘Emotionszwiebel’, gelassener mit Konflikten umgehen kannst, ohne eine Harmonieglocke über schwieriges Verhalten zu stülpen.

Die vier Schichten der Emotionszwiebel

Die Emotionszwiebel ist ein Modell, mit dem du die unterschiedlichen Ebenen der emotionalen Verarbeitung verstehen kannst. Sie ermöglicht dir eine differenzierte Betrachtung von Verhalten ( des eigenen, aber auch das des Gegenübers) in verschiedenen Situationen. Wenn du verstehst, wie Emotionen und Verhalten direkt zusammenhängen, brauchst du keine Angst mehr vor Konflikten zu haben, weil du sie besser händeln kannst. Die Emotionszwiebel hilft dir, kräfteraubendem Vermeidungsverhalten vorzubeugen und Konflikten gelassener entgegenzusehen. 

Wir erklären dir die Emotionszwiebel mit dem misslungenen Video-Abend in der Wohngruppe und am fiktiven Beispiel der Jugendlichen Kim: Als die 15-Jährige erfährt, dass es einen Video-Abend geben soll, rastet sie aus. Sie schreit “So ein scheiß Film!” fegt die Schüssel mit Popcorn vom Tisch und verlässt lautstark den Raum.

Der Kern – das emotionale Grundbedürfnis

Die Wurzel jedes auffälligen Verhaltens ist ein tief verankertes, emotionales Grundbedürfnis, das nicht erfüllt wurde. Dies kann, wie hier, ein unerfülltes Bedürfnis nach Beziehung, Bindung oder Begrenzung sein. Wir in der Freymut Academy nennen dieses größte Paket an Grundbedürfnissen die “Dicke Berta”. Wenn du mehr darüber erfahren willst, kannst du dich hier schlau machen.

Kim hat sich für diesen Tag mit ihrer Freundin Jana verabredet. Jana hat sie wiederum versetzt und sich stattdessen mit einem anderen Mädchen getroffen. Kims Bedürfnis nach Anerkennung und sozialer Verbindung wurde nicht erfüllt. Für die Jugendliche, die unter den Folgen eines frühkindlichen Entwicklungstraumas leidet, eine zutiefst schmerzhafte Erfahrung.

Die erste Schicht – die primäre Emotion

Auf der ersten Schicht könnte sich bei Kim eine primäre Emotion wie Enttäuschung und Angst vor Zurückweisung entwickeln, die aus den vergangenen Traumata resultieren. Stark negative Glaubenssätze wie “Ich bin nicht wichtig.” oder “Ich bin nicht willkommen.” könnten hier unbewusst zugrunde liegen und die Verlustangst der Jugendlichen nähren.

Die zweite Schicht – die sekundäre Emotion

Kims sekundäre Emotion nach dem geplatzten Treffen mit ihrer Freundin ist Wut. Die sekundäre Emotion dient ihr als schützender Ausweg aus der Hilflosigkeit (primäre Emotion) und bringt sie zurück zur Handlungsfähigkeit.

Die äußerste Schicht – die Absage (Reaktion und Ereignis)

Die Handlungsfähigkeit zeigt sich in Kims unangemessenem Verhalten. Es manifestiert sich in äußeren Handlungen, wie aggressiven Ausbrüchen oder Rückzug. Ihre Reaktion auf die Zurückweisung durch die Freundin ist eine unbewusste Antwort auf die unerfüllten Bedürfnisse in ihrem Innersten.

In diesem Beispiel zeigt uns die Emotionszwiebel warum Kim aggressiv reagiert und ihren Betreuerinnen eine Absage erteilt. Ihr unerfülltes Bedürfnis nach Bindung (das gecancelte Treffen) führt zu einer Kaskade von Emotionen, die von Wut bis hin zu tieferen, primären Gefühlen reichen. Die äußerste Schicht zeigt sich in ihrem unangemessenen Verhalten (Popcorn vom Tisch fegen und herumschreien) als Reaktion auf die nicht erfüllten emotionalen Bedürfnisse.

Statt sich über den Konflikt zu ärgern, ist es ratsam zu hinterfragen, was der Konflikt uns zeigen will. Es ist also der Weg durch den Konflikt hindurch, und nicht um ihn herum, der uns hilft, nachhaltige Lösungen zu finden und emotionale Heilung zu ermöglichen.

 

Die Emotionsziebel in der Praxis – durch die Wut zur Harmonie Mit der Emotionszwiebel Verhalten verstehen und Konflikte lösen

Die Anwendung der Emotionszwiebel in der Praxis zur Konfliktlösung erfordert einfühlsames Vorgehen und die Berücksichtigung der verschiedenen emotionalen Ebenen. Hier sind Schritte, wie die Emotionszwiebel genutzt werden könnte, um den Konflikt mit Kim zu lösen:

1) Raum für Gefühle geben – die sekundäre Emotion:

Durch einfache und klärende Fragen kann die Betreuerin Kims sekundäre Emotion, die Wut, identifizieren. Hierbei ist es wichtig, Raum für Kims Perspektive zu schaffen und ihre Gefühle anzuerkennen.

2) Verständnis für die Verletzung zeigen – die primäre Emotion:

Die Betreuerin könnte Kim dazu ermutigen, sich ihren Gefühlen zu stellen und zu verstehen, warum sie sich verletzt oder hilflos fühlt. Das Erkennen dieser primären Emotionen und das Benennen ihrer Enttäuschung kann die Situation entspannen. Es ebnet den Weg, um über den Kern (Grundbedürfnis) wirklich offen sprechen zu können.

3) Anerkennung des Kerns – das emotionale Grundbedürfnis:

Die Betreuerin sollte Kims emotionales Grundbedürfnis nach Anerkennung und sozialer Verbindung erkennen. Wichtig dabei: Oft erkennen die von den Gefühlen übermannten Betroffenen nicht, welches Bedürfnis genau verletzt wurde. Kim sagt hier zum Beispiel “So ein scheiß Film!”, doch es ist nicht die Filmauswahl, die sie gekränkt hat. Durch einfühlsame Kommunikation und viele Fragen kann die Betreuerin Kim das Gefühl geben, dass ihre Bedürfnisse gesehen und verstanden werden.

4) Betrachtung der äußersten Schicht – die Absage (Reaktion und Ereignis):

In einem offenen Gespräch kann die Betreuerin jetzt mit Kim über ihr unangemessenes Verhalten sprechen, ohne es zu verurteilen. Jetzt ist erst Raum, um ihre eigenen Grenzen und auch die Bedürfnisse der Gruppe zu besprechen. Dabei kann sie gemeinsam mit Kim Lösungen erarbeiten, wie zukünftige Enttäuschungen vermieden werden können.

5) Anwendung von Lösungsansätzen:

Die Betreuerin könnte alternative Aktivitäten oder Möglichkeiten zur Anerkennung für Kim vorschlagen, um ihre emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Entweder, indem sie der Jugendlichen hilft, eine neue Verabredung mit der Freundin einzufädeln oder ihr andere Wege aufzeigt, sich zugehörig und anerkannt zu fühlen.

6) Hinweis auf professionelle Unterstützung:

Bei tiefergehenden emotionalen Herausforderungen könnte die Betreuerin mit Psychoedukation Hilfe leisten und Kim erklären, “was bei ihr los” ist. Mit dem Wissen aus unserem Onlinekurs “Trauma – Power”, könnte sie Kim und anderen Jugendlichen tiefere Einblicke und Werkzeuge zur Bewältigung ihrer Traumata bieten.

Besser hinschauen wenn es brodelt

Nachdem wir die Emotionszwiebel von Kim in diesem Beispiel “geschält” haben, wird deutlich, dass die Eskalation in der Wohngruppe von verschiedenen Menschen mit ihren eigenen unerfüllten Bedürfnissen und Emotionen beeinflusst wurde, einschließlich der Betreuerinnen. Um tiefergehende Einblicke in die Bewältigung von Traumata und Konflikten zu gewinnen, laden wir dich  herzlich ein, unseren Kurs “Trauma-Power” zu buchen. Kraft durch Traumawissen ist dein Schlüssel zur empathischen Begleitung von Menschen durch ihre individuellen Herausforderungen. Der Kurs bietet nicht nur wirkungsvolle Werkzeuge zur effektiven Handhabung von Traumata, sondern ermöglicht auch ein tieferes Verständnis für die eigenen emotionalen Prozesse. Investiere in deine persönliche und berufliche Entwicklung, um eine unterstützende und einfühlsame Umgebung zu schaffen.

Und immer dran denken:  Konflikte unreflektiert abzulehnen, ist wie die Milch am Überkochen zu hindern, ohne die Hitze zu reduzieren. Es ist, als würdest du versuchen, einen Damm mit bloßen Händen zu errichten, während der Fluss der Emotionen weiterhin mit ungeminderter Kraft fließt.

Egal wie sehr du dich für Harmonie bemüht hast, wenn sich ein Konflikt anbahnt, nimm die Emotionszwiebel und schäle sie.

Das macht Leben leichter. Versprochen!

Hier geht es zum Kurs “Trauma – Power”