Ein Ergebnis, das alles erklärt – und trotzdem nicht reicht
Stell dir vor, du sitzt beim Arzt. Nicht wegen eines gebrochenen Arms, nicht wegen Fieber. Sondern weil du seit Jahren nicht weißt, warum du dich so fühlst, wie du dich fühlst.
Erschöpft. Angespannt. Manchmal wie hinter Glas.
Der Arzt fragt dich, wie deine Kindheit war. Ob du dich gesehen gefühlt hast. Ob du wusstest, dass du willkommen bist. Ob es Momente gab, in denen du dich geschämt hast – für das, was du bist, für das, was du brauchst, einfach dafür, dass du da bist.
Du nickst. Irgendwann nickst du öfter als dir lieb ist.
Und dann verbindet der Arzt diese frühen Erfahrungen mit dem, was dein Körper heute zeigt – mit deiner Erschöpfung, deiner Angst, deinen Schmerzen. Er erklärt dir, wie tief sich belastende Kindheitserfahrungen in unser Nervensystem einschreiben. Wie aus damals ein Körpergefühl von heute wird.
(Ich schreibe das im Konjunktiv – nicht um dich zu ärgern, sondern weil wir von dieser Realität in der Medizin leider noch weit entfernt sind. Die meisten Menschen bekommen diese Verbindung nie erklärt. Dabei würde sie so vieles verändern – nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch dafür, wie wir mit unseren Kindern umgehen und was wir ihnen mitgeben.)
Du fährst nach Hause. Und irgendwo im Bauch sitzt eine neue Wahrheit, die sich anfühlt wie ein Urteil.
Ich kenne diesen Moment. Ich habe ihn hundertfach mit Menschen erlebt, die mir gegenübersaßen.
Und deshalb möchte ich dir heute nicht nur erklären, was die Adverse Childhood Experiences Study (ACE-Studie) ist und was sie bedeutet. Ich möchte dir auch zeigen, was sie nicht sagen kann – und warum du deutlich mehr bist als eine Zahl.
Was ist die ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences Study)?
Die ACE-Studie, offiziell die Adverse Childhood Experiences Study, ist eine der größten und folgenreichsten medizinischen Studien des 20. Jahrhunderts.
Sie entstand in den Jahren 1995 bis 1997 aus einer Zusammenarbeit zwischen den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und dem Kaiser Permanente Health Appraisal Center in San Diego. Die Initiatoren waren der Arzt und Forscher Dr. Vincent Felitti sowie Dr. Robert Anda.
Die ursprüngliche Frage war eigentlich eine ganz andere: Warum brechen so viele Menschen in Adipositas-Programmen ab – ausgerechnet dann, wenn sie anfangen, abzunehmen?
Was Felitti in den Gesprächen mit seinen Patienten entdeckte, veränderte den Blick auf Gesundheit, Krankheit und menschliche Entwicklung für immer:
Kindheitstraumata und belastende Kindheitserfahrungen – sogenannte Adverse Childhood Experiences (ACEs) – sind direkt verknüpft mit dem körperlichen und psychischen Gesundheitszustand im Erwachsenenalter.
Die Adverse Childhood Experiences Study befragte über 17.000 Erwachsene nach belastenden Kindheitserlebnissen. Das Ergebnis war erschütternd klar: Wer als Kind mehreren Adverse Childhood Experiences ausgesetzt war, hatte deutlich höhere Risiken für fast alle bekannten Erkrankungen – von Herzproblemen bis zu psychischen Störungen, von Sucht bis zu Suizidgedanken.
Und doch: Obwohl diese Studie seit fast 30 Jahren existiert, ist der Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und körperlicher Gesundheit im Alltag kaum angekommen. In Arztpraxen, in Schulen, in der Erziehung. Wir wissen es – und handeln noch viel zu selten danach. Das zu ändern, beginnt damit, dass wir dieses Wissen ernst nehmen: für uns selbst, und für die Kinder, die uns anvertraut sind.
Die 10 ACE-Kategorien: Was in der Adverse Childhood Experiences Study gezählt wird
Die ACE-Studie erfasst zehn Kategorien von Adverse Childhood Experiences, die in drei Bereiche unterteilt werden:
Missbrauch (Abuse):
Emotionaler Missbrauch – beschämt werden, bloßgestellt, lächerlich gemacht. Das Gefühl, dass mit dir grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Körperlicher Missbrauch
Sexueller Missbrauch
Vernachlässigung (Neglect):
Emotionale Vernachlässigung – niemand, der fragt, wie es dir wirklich geht. Kein Trost, wenn du weinst. Kein echtes Interesse an dem, was dich bewegt. Du warst da, aber du wurdest nicht wirklich gesehen.
Körperliche Vernachlässigung
Dysfunktionales Haushaltsumfeld (Household Dysfunction):
Häusliche Gewalt in der Familie
Suchterkrankung eines Elternteils
Psychische Erkrankung eines Elternteils
Inhaftierung eines Elternteils
Trennung oder Scheidung der Eltern – und alles, was damit einhergeht: die Stille danach, das Gefühl, zwischen zwei Welten zerrissen zu sein, die leisen Schuldgefühle, die sich einschleichen, obwohl du als Kind gar nichts dafür konntest
Für jede dieser zehn Adverse Childhood Experiences gibt es einen Punkt. Die Summe ergibt den sogenannten ACE-Score.
Was die ACE-Studie wirklich sagt: Die Zahlen, die erschüttern
Die Ergebnisse der Adverse Childhood Experiences Study sind bis heute nicht in ihrer ganzen Tragweite im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen:
Zwei von drei Erwachsenen haben mindestens eine Adverse Childhood Experience erlebt.
Jede fünfte Person hat drei oder mehr Adverse Childhood Experiences in ihrer Kindheit erlebt.
Und was das bedeutet, ist dramatisch: Je höher der ACE-Score, desto größer ist das Risiko für:
Depressionen und Angststörungen
Herzerkrankungen und Autoimmunerkrankungen
Sucht (Alkohol, Substanzen, aber auch Verhalten)
Chronische Schmerzen
Übergewicht und Essstörungen
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Frühen Tod
Menschen mit einem ACE-Score von 4 oder höher haben gegenüber Menschen ohne Adverse Childhood Experiences ein vierfach erhöhtes Risiko für Depressionen und ein zwölffach erhöhtes Risiko für Suizidversuche.
Die ACE-Studie zeigte damit etwas, das viele bis dahin nicht wahrhaben wollten: Was in der Kindheit passiert, schreibt sich in den Körper ein. Nicht als Erinnerung. Als Biologie.
Was dein ACE-Score eigentlich sagt – und warum die Zahl gar nicht so wichtig ist
Wenn du von der Adverse Childhood Experiences Study zum ersten Mal hörst, kommt irgendwann dieser Moment: Du willst wissen, wie viele dieser Erfahrungen du selbst gemacht hast.
Und hier passiert etwas Merkwürdiges.
Die Studie arbeitet mit einem Punktesystem – für jede der zehn Kategorien von Adverse Childhood Experiences gibt es einen Punkt. Das klingt zunächst nüchtern und klinisch. Aber die meisten Menschen reagieren gar nicht so.
Sie sagen nicht: „Mein ACE-Score ist vier."
Sie sagen: „Oh Gott. Ich hab echt viel erlebt." Oder: „Ich dachte immer, das war normal." Oder sie sitzen einfach still da.
Das ist die eigentliche Wirkung der ACE-Studie. Nicht die Zahl. Sondern die Erkenntnis, die dahintersteckt.
Trotzdem ist es hilfreich zu wissen, was die Forschung über verschiedene Belastungsgrade zeigt:
Wenig oder keine Adverse Childhood Experiences: Das Nervensystem hatte in der Kindheit mehr Spielraum, sich zu regulieren. Das schützt – nicht vor allem, aber vor vielem.
Einige belastende Kindheitserfahrungen: Nachweisbare Auswirkungen, die aber oft gut auffangbar waren – besonders wenn es verlässliche Bezugspersonen gab, die Halt gegeben haben.
Viele Adverse Childhood Experiences, über mehrere Bereiche: Hier zeigen die Daten der ACE-Studie deutlich: Das Nervensystem war in der Kindheit dauerhaft im Überlebensmodus. Nicht weil da etwas falsch war mit dem Kind. Sondern weil das Kind sich angepasst hat – an das, was war.
Und das ist der entscheidende Satz:
Der ACE-Score aus der Adverse Childhood Experiences Study misst nicht, wer du bist. Er misst, was du getragen hast. Das ist ein Unterschied, der alles verändert.
Das Problem mit dem ACE-Score – und warum du mehr bist
Hier beginnt meine Kritik an einer bestimmten Art, die ACE-Studie zu lesen.
Die Adverse Childhood Experiences Study ist wissenschaftlich bahnbrechend. Sie hat dazu beigetragen, dass Trauma endlich als gesundheitliches und gesellschaftliches Thema ernst genommen wird. Das ist gut. Das ist notwendig. Das ist überfällig.
Und ich erlebe, wie diese Traumaaufklärung – gottseidank – immer mehr wird. In Podcasts, auf Social Media, in Büchern. Immer mehr Menschen begegnen diesem Wissen und erleben im ersten Moment etwas, das ich nur als Erleichterung beschreiben kann.
„Ah. Jetzt verstehe ich, warum ich so bin."
„Jetzt ergibt meine Erschöpfung Sinn."
„Ich bin nicht falsch. Ich hatte Gründe."
Dieser erste Moment ist wertvoll. Er ist oft der erste Atemzug nach Jahren des Sich-Schämens.
Aber dann – und das beobachte ich immer häufiger – bleibt es genau dort hängen.
Das Verstehen wird nicht zur Bewegung. Es wird zur Festschreibung.
„Mein Nervensystem hat halt so viel getragen."
„Ich bin eben hochbelastet."
„Kein Wunder, dass ich so reagiere."
Und das stimmt ja alles. Es ist wahr. Es ist berechtigt.
Aber irgendwann kippt Erklärung in Identität. Und das ist der Moment, vor dem ich dich warnen möchte.
Du bist nicht deine Adverse Childhood Experiences.
Du bist nicht die Summe deiner traumatischen Erfahrungen
Ich liebe Aufklärung. Wirklich.
Alle unsere Ausbildungen an der FreyMuT Academy haben eines gemeinsam: Wir schauen gemeinsam auf den guten Grund für alles, was ist. Wir erklären, warum das Nervensystem so reagiert, wie es reagiert. Warum Angst, Rückzug, Kontrolle, Erschöpfung, Perfektionismus keine Fehler sind – sondern intelligente Anpassungen an das, was einmal war.
In der Psychotherapie nennen wir das Psychoedukation. Und die Erleichterung, die sie auslöst, ist real. Sie darf sein.
Aber dann kommen meistens die Fragen: „Und jetzt? Zu welchem Therapeuten kann ich gehen? Wen schicke ich mit meinem Kind hin?"
Und hier wird es schwierig. Die wenigsten Therapeuten haben das Wissen über diese Zusammenhänge wirklich verinnerlicht. Nicht weil sie keine guten Therapeuten wären, sondern weil die klassische Therapeutenausbildung das kaum vermittelt. Wer das Zusammenspiel von Adverse Childhood Experiences, Nervensystem und Gesundheit wirklich versteht, hat sich in aller Regel weit über seine Grundausbildung hinaus weitergebildet.
Und selbst wenn du den richtigen Menschen findest, bleibt eine tiefere Wahrheit:
Verstehen erklärt. Aber es verändert nicht.
„Ich bin halt so. Mein Nervensystem hat zu viel getragen." – Das stimmt. Und es darf trotzdem nicht das letzte Wort sein.
Echte Heilung passiert nicht im Kopf. Sie passiert im Körper. In dem Moment, in dem dein Nervensystem aufhört, die alte Bedrohung im Hier und Jetzt weiterzutragen. Wenn der Körper die Botschaft empfängt: Es ist vorbei. Du bist jetzt sicher.
Das ist kein romantisches Konzept. Das ist messbare, neurobiologische Realität. Menschen mit hohem ACE-Score, die traumasensible Begleitung erleben, zeigen nachweislich Veränderungen in ihrer Stressregulation, in ihren körperlichen Symptomen, in ihrer Lebensqualität. Nicht weil die Vergangenheit ausgelöscht wird – sondern weil das Nervensystem gelernt hat, in der Gegenwart zu leben.
Dein Körper hat gelernt, sich zu schützen. Aber dieser Schutz ist nicht du.
Unter all den Schutzstrategien – unter dem Funktionieren, dem Kleinhalten, dem Kontrollieren, dem Nicht-Fühlen – lebt noch jemand. Jemand, der schon immer da war. Der sich erinnern darf, wer er ist.
Das ist Neurobiologie. Unser Nervensystem ist plastisch. Es kann neue Erfahrungen machen. Es kann lernen, dass Sicherheit möglich ist – auch wenn sie in der Kindheit nicht da war.
Der nächste Schritt für dich
Was wir bei der FreyMuT Academy tun, geht über Wissensvermittlung hinaus.
Wir bilden Fachkräfte aus – Coaches, Pädagogen, Berater, Therapeuten – und ermächtigen sie, Menschen wirklich anders zu begleiten. Wir bringen Traumawissen und Neurobiologie zusammen, aber nicht als Theorie, die im Kopf bleibt. Sondern als gelebte Erfahrung, die ins Nervensystem geht. Weil echte Veränderung nicht durch noch mehr Verstehen entsteht – sondern dadurch, dass das Nervensystem die Erfahrung macht: Ich bin jetzt sicher.
Das ist unsere Arbeit. Für pädagogische Fachkräfte, für Coaches und Berater, für alle, die täglich Menschen begleiten – und vor allem auch die kleinen Menschen, die gerade erst dabei sind, ihre Erfahrungen mit der Welt zu machen.
Und trotzdem bleibt eine Frage, die wir immer wieder hören:
„Was ist eigentlich mit mir? Wie kann ich mein eigenes Nervensystem regulieren?"
Dafür gibt es jetzt den Workshop.
Am 17. Juni findet „Du bist nicht kaputt" statt. 90 Minuten. Live. Für Fachkräfte, die tiefer verstehen wollen, was Trauma mit unserem Nervensystem macht – und was wir ihm Gutes tun können. Und für alle Menschen, die einfach spüren wollen, wer sie sind, jenseits von dem, was sie erlebt haben.
Denn vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieses Abends: nicht noch mehr über dein Trauma zu lernen, sondern dich selbst zu begegnen. Dem Menschen unter all dem Schutz. Und von dort aus – als Fachkraft, als Elternteil, als Mensch – anderen wieder wirklich zu begegnen.
👉 Hier geht es zur Anmeldung für „Du bist nicht kaputt"
Gunda Frey ist Gründerin der FreyMuT Academy und Expertin für Trauma, Neurobiologie und Bildungstransformation. Sie begleitet seit über 10 Jahren Menschen dabei, sich aus den unsichtbaren Fesseln früher Erfahrungen zu lösen – ohne Kampf, ohne Selbstoptimierungsdruck, mit echter Menschlichkeit.
