Gerade läuft der letzte Durchgang von SELF.
Ich schreibe diesen Satz und spüre, wie viel darin steckt. Denn SELF ist nicht gescheitert. Im Gegenteil. SELF ist eines der wirksamsten Programme, die wir je entwickelt haben.
Und trotzdem höre ich damit auf.
Im Oktober habe ich hier im Blog gefragt, wie lange wir eigentlich noch Zwiebeln schälen wollen. Dieser Artikel ist die Fortsetzung. Denn aus dieser Frage folgt eine Entscheidung. Und die möchte ich dir erklären: was sie für SELF bedeutet, für die FreyMuT Academy und für alle, die mit Menschen arbeiten.
Was SELF eigentlich bedeutet
SELF steht für Social System of Emotionally Healed Leaders for the Future.
Hinter diesem etwas sperrigen Namen steckt eine große Vision: Menschen, die mit Menschen arbeiten, verstehen zuerst sich selbst. Ihr eigenes Nervensystem. Ihre eigene Geschichte. Ihre eigenen Muster. Denn wer Kinder, Jugendliche, Klientinnen oder Teams begleitet, bringt immer sich selbst mit in den Raum.
Darum ist SELF so aufgebaut, wie es aufgebaut ist. In zehn Modulen geht es um das „Betriebssystem Mensch“, also um die Frage, wie wir durch frühe Erfahrungen, Bindung und Umwelt zu dem geworden sind, was wir heute sind. Es geht um Trauma und Ressourcen, um Trauer und Tod, um Selbstfürsorge, Kommunikation, interkulturelle Kompetenz und systemische Beratung.
Immer mit derselben Grundhaltung: Erst verstehe ich mich. Dann verstehe ich die anderen.
Was die Teilnehmenden erleben
Die Rückmeldungen aus den Durchgängen berühren mich immer wieder tief.
Teilnehmende erzählen, dass sie sich zum ersten Mal wirklich verstehen. Dass sie ihre Kinder verstehen, auch wenn die längst erwachsen sind. Dass sie ihr Umfeld mit anderen Augen sehen. Dass so viel Leichtigkeit in ihr Leben gekommen ist. Viele sagen, sie hätten zum ersten Mal begriffen, was Selbstliebe und Selbstfürsorge eigentlich bedeuten. Nicht als schönes Wort, sondern als gelebte Praxis.
Ein Wort fällt dabei immer wieder: transformierend.
Und genau an diesem Punkt wird es für mich spannend.
Was Traumakompetenz fachlich umfasst
Bevor ich erkläre, warum ich SELF loslasse, möchte ich genau beschreiben, was ich mit Traumakompetenz meine. Denn der Begriff wird inzwischen sehr unterschiedlich verwendet.
Für mich besteht Traumakompetenz aus vier Bausteinen.
1. Die Neurobiologie der Stressreaktion.
Unser Nervensystem scannt ununterbrochen, ob wir sicher sind. Meist unbewusst, in Millisekunden. Erkennt es Gefahr, schaltet es in einen Überlebensmodus: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das sind keine Charakterschwächen, sondern biologische Schutzprogramme. Der Psychiater Daniel Siegel hat dafür den Begriff des Toleranzfensters geprägt. Innerhalb dieses Fensters können wir denken, fühlen, lernen und in Beziehung bleiben. Außerhalb davon übernimmt der Schutz. Menschen mit belastenden Erfahrungen haben oft ein schmaleres Fenster. Sie geraten schneller in Übererregung oder in einen Zustand von Abschalten und innerer Leere.
2. Bindung als Fundament.
Seit John Bowlby wissen wir, dass das Bedürfnis nach sicherer Bindung kein Luxus ist, sondern ein Grundbedürfnis. Ein Kind braucht eine verlässliche Bezugsperson, um sein Nervensystem regulieren zu lernen. Fehlt diese Sicherheit, entwickelt es Strategien, um trotzdem zu überleben: Anpassung, Kontrolle, Rückzug, Daueraufmerksamkeit. Diese Strategien nehmen wir mit ins Erwachsenenleben. In unsere Partnerschaften, in unsere Teams, in unsere Art zu führen.
3. Die Haltung des guten Grundes.
Der Satz, der unsere gesamte Arbeit an der Academy trägt, lautet: Jedes Verhalten hat einen guten Grund. Ein Kind, das im Unterricht explodiert, ist nicht „böse“, sondern in einem Alarmzustand. Eine Klientin, die wie abwesend wirkt, dissoziiert vielleicht gerade, weil ihr System gelernt hat, sich auf diese Weise zu schützen. In der internationalen Fachdiskussion heißt dieser Ansatz traumainformiertes Arbeiten. Er bedeutet: Wir erkennen, wie verbreitet Trauma ist. Wir erkennen die Anzeichen. Wir richten unser Handeln danach aus. Und wir vermeiden alles, was Menschen erneut verletzt.
4. Die eigene Person als Werkzeug.
Das ist der Baustein, der in vielen Fortbildungen fehlt. Wer mit belasteten Menschen arbeitet, wird selbst berührt. Alte eigene Erfahrungen werden wach. In der Fachsprache sprechen wir von Übertragung und Gegenübertragung. Dazu kommt das Risiko der Sekundärtraumatisierung: Wer immer wieder mit dem Leid anderer in Kontakt ist, kann selbst Symptome entwickeln. Darum gehören Selbsterfahrung und Selbstfürsorge für mich zwingend zur Traumakompetenz. Nicht als Wellness, sondern als professionelle Pflicht.
Genau diese vier Bausteine hat SELF zusammengebracht. Und darum wirkt es.
Was ich früher geglaubt habe
Lange Zeit habe ich gesagt: Wenn du Traumakompetenz hast, ist dein Leben klar. Dann verstehst du dich. Dann verstehst du alle anderen. Dann weißt du, warum Menschen so reagieren, wie sie reagieren.
Und fachlich stimmt das auch. Alles, was ich oben beschrieben habe, unterschreibe ich heute noch genauso wie am ersten Tag.
Aber ich habe gemerkt, dass das nicht das Ende der Geschichte ist.
Traumakompetenz ist die Tür
Ich habe dafür ein Bild gefunden, das mir sehr hilft.
Die Physik braucht die Mathematik. Ohne Mathematik kann ich keine physikalischen Gesetze beschreiben, keine Bewegung berechnen, keine Kraft messen. Und die Quantenphysik braucht die Physik. Ohne das Fundament der klassischen Physik könnte niemand verstehen, warum sich die kleinsten Teilchen plötzlich so ganz anders verhalten.
Jede Ebene baut auf der vorherigen auf. Keine macht die vorherige überflüssig. Und jede öffnet eine neue Tür.
Genau so sehe ich heute Traumakompetenz.
Sie ist das Fundament. Sie erklärt uns, wie wir geworden sind, wer wir sind. Warum wir reagieren, wie wir reagieren. Warum Muster sich wiederholen, obwohl wir sie längst erkannt haben.
Aber sie ist nicht das Ausrufezeichen am Ende. Sie ist die Tür.
Und hinter dieser Tür öffnet sich ein Raum, in dem es um eine andere Frage geht. Nicht mehr nur: Warum bin ich so geworden? Sondern: Wer bin ich eigentlich, jenseits meiner Prägungen und meiner Schutzreaktionen?
Früher habe ich gesagt, ich möchte, dass so viele Menschen wie möglich geheilt sind. Heute sage ich: Ich möchte, dass so viele Menschen wie möglich frei sind.
Psychologie erdet die Spiritualität
Dieser Gedanke ist bei mir nicht neu. Schon 2020 habe ich im Entwicklungssprünge-Podcast eine Folge aufgenommen, die hieß „Psychologie erdet die Spiritualität“.
Damals habe ich beschrieben, wie sehr mich fasziniert, dass am Ende so vieler psychologischer Studien und so vieler spiritueller Traditionen fast immer dieselbe Essenz steht. Und dass wir die Psychologie und die Naturwissenschaften brauchen, damit unser Kopf versteht, was wir fühlen.
Das gilt bis heute. Und es ist mir wichtig, das ganz klar zu sagen:
Was hinter der Tür liegt, ersetzt nicht das, was davor liegt.
Der Psychologe John Welwood hat schon in den 1980er Jahren einen Begriff geprägt, der hier hilft: spiritual bypassing, auf Deutsch etwa spirituelles Umgehen. Gemeint ist, dass Menschen spirituelle Ideen benutzen, um schmerzhaften Gefühlen, unverarbeiteten Erfahrungen und ungelösten Entwicklungsaufgaben auszuweichen. Sätze wie „Du musst nur positiv denken“ oder „Alles ist Energie“ klingen schön. Aber sie lassen Menschen mit echtem Leid allein. Und sie können sogar schaden, weil sie unterschwellig sagen: Wenn es dir noch schlecht geht, machst du etwas falsch.
Genau davor schützt Traumakompetenz. Sie erdet. Sie sorgt dafür, dass wir den Körper, das Nervensystem und die Geschichte eines Menschen ernst nehmen, bevor wir über irgendetwas anderes sprechen.
Wer die Tür überspringt, landet nicht im Raum dahinter. Sondern im Nichts.
Warum die Fachlichkeit bleibt
Deshalb bleibt die FreyMuT Academy, was sie ist: ein Ort für fundierte, fachliche Aus- und Weiterbildung in Traumakompetenz.
Ich stehe heute mehr denn je hinter dem Satz: Traumawissen gehört in jede Grundausbildung, in der es um Menschen geht.
In die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. In das Lehramtsstudium. In die Soziale Arbeit. In die Pflege. In die Medizin. In jede Ausbildung, in der Menschen mit Menschen arbeiten.
Die Zahlen sind seit Langem bekannt. Die ACE-Studie aus den USA hat Ende der 1990er Jahre über 17.000 Erwachsene zu belastenden Kindheitserfahrungen befragt. Rund zwei Drittel berichteten von mindestens einer solchen Erfahrung. Und je mehr Belastungen ein Mensch in der Kindheit erlebt hatte, desto höher war im Erwachsenenalter das Risiko für Depressionen, Suchterkrankungen und sogar für körperliche Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden.
Das heißt ganz praktisch: In jeder Kita-Gruppe, in jeder Schulklasse, in jedem Wartezimmer sitzen Menschen, deren Nervensystem gelernt hat, auf Gefahr zu reagieren. Fachkräfte, die das nicht wissen, bewerten Verhalten, statt es zu verstehen. Und sie verstärken damit oft genau das, was sie eigentlich verändern wollen.
Dieses Wissen darf kein Luxus sein, den sich einige wenige in einer Zusatzausbildung holen. Es muss Standard werden.
Darum wird die Academy wachsen. Wir werden unsere Programme vermehren und vergrößern: in der Traumapädagogik, in der traumasensiblen Arbeit mit Lernen und Schule, im traumasensiblen Coaching, in der EMDR-Arbeit und in der Arbeit mit Narrativen. Mit dem Ziel, Traumakompetenz in die Breite zu bringen. In Kitas, Schulen, Praxen, Beratungsstellen, Kliniken.
Und falls du beim Lesen gerade gedacht hast: Genau das will ich. Mich als Fachkraft fundiert weiterbilden, Verhalten verstehen statt bewerten, dieses Wissen in meine Kita, meine Schule, meine Praxis tragen. Dann ist dein Weg nicht SELF. Dann ist es unsere Ausbildung Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung, mit zwei anerkannten Zertifikaten der DeGPT und des FVTP.
Der nächste Durchgang startet am 14. November in Viersen. Ein paar Plätze sind noch frei. Wenn du magst, schnapp dir einen davon.
Und was ist mit dem Raum hinter der Tür?
Der bekommt seinen eigenen Platz. Getrennt von der Academy, damit beides klar bleibt.
Meine persönlichen Erkenntnisse teile ich dort, wo sie hingehören:
- In meinem Podcast Einfach frey. Dort denke ich laut nach über Frieden, Freiheit, Leben und Sterben und darüber, wer wir jenseits unseres Nervensystems sind.
- In kurzen Blogartikeln auf gunda-frey.de, meinem persönlichen Raum.
- In Workshops wie „Verstehen. Erinnern. Frey sein.“, in denen wir genau diesen Schritt durch die Tür gemeinsam gehen.
Und der Entwicklungssprünge-Podcast bleibt natürlich bestehen. FreyMuT für die Ohren, Traumawissen für die Welt. Er ist fachlich. Er inspiriert, ohne abzuheben. Er stellt klar, verweist auf gute Quellen und lädt liebevoll ein, genauer hinzuschauen.
Warum ich SELF trotzdem loslasse
Vielleicht fragst du dich jetzt: Wenn SELF so gut wirkt, warum dann nicht einfach weitermachen?
Weil SELF genau zwischen diesen beiden Räumen steht. Es ist fachliche Traumakompetenz und gleichzeitig schon der erste Schritt durch die Tür. Und ich merke, dass beides mehr Klarheit braucht.
Die Fachlichkeit verdient Programme, die sich ganz auf Wissen, Methoden und Haltung konzentrieren. Mit klaren Inhalten, klaren Abschlüssen und ohne Missverständnisse.
Und das, was hinter der Tür liegt, verdient einen Raum, in dem ich frei denken, fragen und auch mal unfertig sein darf. Ohne dass es mit einem Zertifikat verwechselt wird.
SELF hört darum ganz auf. Nur ein Baustein bleibt: Betriebssystem Mensch. Als Grundlage, dich selbst zu verstehen. Wie deine Prägungen und Muster entstanden sind und wie du sie verändern kannst. Diesen Kurs kannst du weiterhin einzeln buchen.
Allen, die SELF mitgestaltet und durchlaufen haben, danke ich von Herzen. Was ihr erlebt habt, bleibt. Und vielleicht war SELF für euch genau das: die Tür.
Was das für dich heißt
Wenn du mit Menschen arbeitest und dir Traumakompetenz fehlt: Fang dort an. Das ist das Fundament, und es verändert dein berufliches Handeln. Dafür ist die FreyMuT Academy da.
Wenn du dieses Fundament schon hast und spürst, dass da noch mehr ist: Dann bist du nicht falsch abgebogen. Dann stehst du vielleicht gerade vor der Tür.
Beides darf sein. Beides gehört zusammen. Und beides braucht einander.
Wo stehst du gerade: mitten im Fundament, vor der Tür oder schon einen Schritt dahinter?
Herzlich,
Gunda Frey
Du willst auch durch die Tür gehen?
Dann ist hier dein Weg.
Am 1. Dezember startet Zurück in die Freiheit. Vier Monate, live mit mir, jeden Dienstagabend. In einer festen Buddygruppe, mit Übungen zwischen den Abenden und einer Gemeinschaft, die dich trägt. Die Abende werden nicht aufgezeichnet. Du bist dabei, ganz.
Und wir bleiben geerdet. Alles, was du über dein Nervensystem weißt, kommt mit. Wir nehmen es ernst. Aber wir bleiben nicht davor stehen. Wir gehen gemeinsam durch die Tür und schauen, wer du bist, wenn deine Geschichte nicht mehr das letzte Wort hat. Und wie du aus genau diesem Ort heraus liebst, arbeitest, entscheidest und lebst.
Ich habe dieses Programm aus allem gebaut, was ich in den letzten Monaten selbst erlebt habe. Es ist das, was ich mir gewünscht hätte, als ich vor dieser Tür stand.
Bis zum 16. November bekommst du deinen Platz zum halben Preis. Die Gruppe ist auf 50 Menschen begrenzt.
Hier findest du alles zu Zurück in die Freiheit
Und wenn du lieber erst das Fundament legen möchtest: Unsere Ausbildung Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung startet am 14. November in Viersen, und es gibt noch ein paar freie Plätze.
Zum Weiterhören: Entwicklungssprünge, Folge 166: „Psychologie erdet die Spiritualität“ (https://entwicklspr.podigee.io/166-psychologie-erdet-spiritualitaet)