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Wie lange wollen wir eigentlich noch Zwiebeln schälen?

Wie lange wollen wir eigentlich noch Zwiebeln schälen?

Warum ich nach über 20 Jahren Traumakompetenz anders über Heilung und unser Menschsein denke.

17. Oktober 2026
Wissenswertes

Ich habe über 20 Jahre Menschen beigebracht, genauer hinzuschauen. Und heute frage ich mich, ob wir manchmal viel zu lange hingeschaut haben.

Uff.

Das ist ein Satz, den ich vor ein paar Jahren vermutlich selbst nicht hätte hören wollen.

Seit über zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit Trauma, dem Nervensystem und der Frage, warum Menschen tun, was sie tun.

Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, Traumakompetenz zu vermitteln. Menschen auszubilden, die dieses Wissen wiederum in Familien, Schulen, therapeutische und pädagogische Räume und in unsere Gesellschaft tragen.

Und wer bei uns eine Ausbildung macht oder im Orbit lernt, weiß: Es geht dabei nie nur um theoretisches Wissen.

Es geht immer auch um dich selbst.

Um deine eigenen Schutzmuster. Deine Reaktionen. Deine Geschichte.

Darum, bei dir hinzuschauen, bevor du andere bewertest.

Und das kann unglaublich viel verändern.

Plötzlich verstehst du, warum dich bestimmte Menschen auf die Palme bringen. Warum du in manchen Situationen erstarrst, obwohl du eigentlich etwas sagen möchtest. Warum du dich anpasst, obwohl du längst weißt, dass du das nicht mehr willst.

Du begreifst: Ich bin nicht falsch. Mein Verhalten hat einen guten Grund.

Und manchmal entsteht allein dadurch eine Freiheit, die vorher nicht möglich war.

Das ist großartig.

Aber irgendwann kommt eine Frage, die ich in all den Jahren immer wieder gehört habe.

Und die mich inzwischen selbst nicht mehr loslässt.

„Ach Gunda, wie oft denn noch? Ich habe doch schon so viel erkannt!“

Die Sache mit der Zwiebel

Meine Antwort war lange ziemlich klar:

„Das ist ein bisschen wie Zwiebeln schälen.“

Wir tragen eine Schicht nach der anderen ab. Wir erkennen ein Muster, begegnen einer alten Verletzung, verstehen eine weitere Schutzreaktion.

Und mit jeder Schicht kommen wir unserem Kern ein Stück näher.

Es wird leichter. Freier. Bewusster.

Ich habe dieses Bild selbst oft verwendet.

Und ich finde noch immer, dass etwas Wahres darin steckt.

Aber inzwischen möchte ich dieser Zwiebel eine ziemlich unbequeme Frage stellen:

Wie viele Schichten sollen wir eigentlich noch abtragen?

Bis wir nie wieder getriggert sind?

Bis uns niemand mehr verletzen kann?

Bis wir immer gelassen bleiben, unsere Kinder nie wieder anschreien, keine Angst mehr haben und uns von keiner Kritik mehr aus der Bahn werfen lassen?

Mal im Ernst.

Wann sind wir denn dann endlich fertig mit uns?

Und wer hat eigentlich entschieden, dass wir erst fertig werden müssen, bevor wir wirklich frei leben können?

Was, wenn wir gar nicht heil werden müssen?

Ich weiß, dieser Satz kann irritieren.

Gerade aus meinem Mund.

Denn ich weiß, wie tief Verletzungen gehen können. Ich weiß, wie sehr traumatische Erfahrungen unser Erleben, unsere Beziehungen und unseren Alltag prägen können.

Und ich weiß auch, wie wichtig es sein kann, diesen Verletzungen Raum zu geben und Unterstützung zu bekommen.

Aber ich stelle inzwischen eine andere Frage:

Was, wenn es in uns etwas gibt, das niemals verletzt wurde?

Was, wenn unsere Erfahrungen zwar unser Nervensystem geprägt haben, aber nicht unser ganzes Wesen?

Was, wenn wir uns so sehr mit unseren Verletzungen, unseren Schutzmustern und unserer Biografie identifizieren, dass wir irgendwann glauben, das sei alles, was wir sind?

Dann wird Heilung schnell zu einem endlosen Projekt.

Wir suchen die nächste Blockade.

Die nächste alte Erfahrung.

Die nächste Erklärung dafür, warum wir noch nicht so leben, wie wir eigentlich leben möchten.

Und vielleicht übersehen wir dabei etwas Gewaltiges:

Dass in uns längst etwas wohnt, an dem es überhaupt nichts zu reparieren gibt.

Etwas Wunderschönes.

Großartiges.

Machtvolles.

Nicht erst nach der nächsten Therapie. Nicht nach dem nächsten Seminar. Nicht, wenn wir endlich alle unsere Muster verstanden haben.

Jetzt.

Was, wenn dieser Kern nicht das Ergebnis unserer Heilungsarbeit ist?

Was, wenn er die ganze Zeit da war?

Die Haltung des guten Grundes bleibt. Aber sie ist nicht die ganze Geschichte.

Ich möchte an dieser Stelle eines ganz deutlich sagen:

Ich nehme nichts von dem zurück, was ich über Traumakompetenz vermittelt habe.

Die Haltung des guten Grundes ist und bleibt für mich eine der wichtigsten Haltungen im menschlichen Miteinander.

Wenn ich verstehe, dass Verhalten einen guten Grund hat, verändert sich etwas.

Ich muss mich nicht mehr für jede meiner Reaktionen verurteilen.

Ich kann meinem Kind anders begegnen, wenn ich begreife, dass hinter seinem Verhalten ein Bedürfnis oder eine Schutzreaktion steckt.

Ich kann in Beziehungen anders zuhören.

Ich kann Menschen verstehen, ohne alles gutheißen zu müssen.

Und ich glaube nach wie vor, dass diese Haltung einen wichtigen Beitrag zum Frieden leisten kann.

In Familien. In Schulen. In Teams. In unserer Gesellschaft.

Aber vielleicht haben wir aus einem wichtigen Teil des Menschseins irgendwann das ganze Menschsein gemacht.

Wir haben gelernt, den Menschen durch die Brille seines Nervensystems zu betrachten.

Und diese Brille ist unglaublich hilfreich.

Nur: Sie zeigt uns nicht alles.

Unser Nervensystem kann erklären, warum wir auf bestimmte Weise reagieren.

Unsere Geschichte kann erklären, warum wir bestimmte Überzeugungen entwickelt haben.

Unsere Schutzmuster können erklären, warum wir manchmal gegen unsere eigenen Wünsche handeln.

Aber können sie uns auch sagen, wer wir wirklich sind?

Oder haben wir diese Frage vor lauter Verstehen irgendwann vergessen?

Vielleicht ist deine Biografie gar nicht deine Identität.

Das ist der Gedanke, der mich gerade so bewegt.

Wir sagen: „Ich bin eben ängstlich.“

„Ich bin jemand, der immer alles kontrollieren muss.“

„Ich bin nicht gut darin, Grenzen zu setzen.“

„Ich bin halt so.“

Aber was, wenn das gar keine Aussagen über unser Wesen sind?

Was, wenn wir da lediglich beschreiben, wie wir gelernt haben, uns in dieser Welt sicher zu fühlen?

Und was, wenn wir diese Strategien so lange wiederholt haben, dass wir sie irgendwann für unsere Persönlichkeit halten?

Dann ist die entscheidende Frage vielleicht gar nicht mehr:

Warum bin ich so geworden, wie ich bin?

Sondern:

Wer bin ich, wenn ich mich nicht länger mit meinen Schutzreaktionen verwechsle?

Wer bin ich jenseits meiner Geschichte?

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr versuche, jemand zu werden, der endlich gut genug ist?

Und was, wenn die Antwort viel größer ist, als unser Verstand es sich vorstellen kann?

Ich glaube, wir haben vergessen, wie großartig wir sind.

Jetzt betrete ich einen Bereich, den ich vor einiger Zeit selbst noch nicht so selbstverständlich in meine Arbeit einbezogen hätte.

Ich glaube, dass in jedem Menschen etwas Größeres wohnt.

Etwas, das nicht auf unsere Biografie reduziert werden kann.

Etwas, das wir nicht erst erschaffen müssen.

Ich nenne es unsere göttliche Natur.

Und nein, du musst dafür nicht an einen bestimmten Gott glauben.

Ich erlebe immer wieder Menschen, die sagen: „Mit Gott habe ich nichts am Hut.“

Und fast im selben Atemzug: „Aber dass es da irgendetwas Größeres gibt, das glaube ich schon.“

Vielleicht ist es manchmal sogar mehr als ein Glaube.

Vielleicht ist es ein stilles Wissen. Eine Sehnsucht. Eine Ahnung, dass wir viel mehr sind als das, was wir über uns erzählen können.

Und vielleicht beginnt genau hier eine Freiheit, die wir mit noch mehr Selbstoptimierung niemals erreichen.

Nicht, weil wir endlich jemand anderes geworden sind. Sondern weil wir uns erinnern, wer wir schon immer waren.

Du bist nicht nur okay.

Du bist nicht bloß gerade so ausreichend.

Ich glaube, in dir wohnt etwas Wunderschönes, Kraftvolles, Großartiges.

Und vielleicht hast du es unter all deinen Geschichten einfach vergessen.

Und jetzt? Sollen wir einfach aufhören, an uns zu arbeiten?

Nein.

Und genau hier wird es für mich spannend.

Denn ich glaube nicht, dass wir unser Nervensystem ignorieren oder unsere Verletzungen wegspiritualisieren sollten.

Das wäre nur die nächste Form, uns selbst nicht wirklich zu begegnen.

Wir sind Menschen.

Wir haben einen Körper, ein Nervensystem, Gefühle und eine Geschichte.

Wir werden auch weiterhin Angst haben. Wütend werden. Unsicher sein. Manchmal in alte Muster zurückfallen.

Aber was, wenn wir all das erleben können, ohne uns vollständig damit zu identifizieren?

Was, wenn ich wahrnehmen kann, dass mein Nervensystem gerade Alarm schlägt, und gleichzeitig weiß: Das ist nicht alles, was ich bin?

Was, wenn ich meine Schutzreaktion ernst nehmen kann, ohne ihr automatisch die Führung über mein Leben zu überlassen?

Was, wenn ich nicht erst warten muss, bis ich vollkommen frei von alten Mustern bin, um eine neue Entscheidung zu treffen?

Genau darin liegt für mich inzwischen eine ganz andere Form von Selbstverantwortung.

Nicht die Verantwortung, mich endlich perfekt zu machen.

Sondern die Verantwortung, mein Leben zunehmend bewusst zu gestalten.

Aus innerer Freiheit.

Aus Verbundenheit.

Aus meiner Schöpferkraft.

Nicht raus aus dem Menschsein. Sondern ganz hinein.

Ich bin selbst gerade mitten in dieser Veränderung.

Und das möchte ich dir auch sagen.

Dieser Blick ist für mich noch ziemlich neu.

Nicht das Wissen über Trauma. Nicht die Haltung des guten Grundes. Nicht die Bedeutung unseres Nervensystems.

Sondern die Frage, welchen Platz all das in einem viel größeren Verständnis unseres Menschseins einnimmt.

Ich merke, dass sich gerade etwas in meinem eigenen Denken und Erleben verschiebt.

Und ich habe keine Lust, damit zu warten, bis ich daraus eine fertige Methode mit fünfzig Modulen entwickelt habe.

Ich möchte diese Fragen jetzt stellen.

Mit Menschen, die bereit sind, ihre bisherigen Vorstellungen von sich selbst infrage zu stellen.

Auch wenn sie schon unglaublich viel verstanden haben.

Vielleicht gerade dann.

Denn ein Satz wird für mich immer bedeutsamer:

Wissen ist der Trostpreis. Erleben ist der Hauptgewinn.

Und ich will nicht nur über Freiheit sprechen.

Ich will sie leben.

Vielleicht ist es Zeit, die Zwiebel einmal liegen zu lassen.

Vielleicht darfst du aufhören, dich für einen Moment als Baustelle zu betrachten.

Nicht, weil deine Verletzungen unwichtig wären.

Nicht, weil du nie wieder Unterstützung brauchen wirst.

Sondern weil dein Leben so viel größer ist als die Arbeit an deinen Verletzungen.

Und weil die vielleicht spannendste Frage noch vor dir liegt:

Was, wenn du gar nicht erst heil werden musst, um in deinem tiefsten Wesen ganz zu sein?

Und was würde sich verändern, wenn du anfangen würdest, genau daraus zu leben?


VERSTEHEN. ERINNERN. FREY SEIN.

Am 19., 20. und 21. Oktober öffne ich einen Raum für genau diese Fragen.

Drei Abende, an denen wir gemeinsam einen neuen Blick auf unser Menschsein wagen.

VERSTEHEN: Wir schauen auf unser Nervensystem, unsere Schutzreaktionen und die Haltung des guten Grundes. Nicht, um noch mehr Baustellen zu finden. Sondern um unser Menschsein besser zu begreifen.

ERINNERN: Wir stellen die Frage, die weit über unsere Geschichte hinausgeht: Wer bist du wirklich? Und was bedeutet es, dich an deine göttliche Natur zu erinnern?

FREY SEIN: Wie wird aus dieser Erinnerung gelebte Freiheit? Wie können wir unser Nervensystem anerkennen und trotzdem immer bewusster aus Verbundenheit, Selbstverantwortung und Schöpferkraft handeln?

19.–21. Oktober 2026 · jeweils 19 Uhr · live online

Hier findest du alle Informationen und kannst dich anmelden.

Ich freue mich, wenn du diesen neuen Weg mit mir erkundest.

Deine Gunda

Kennst du schon meinen neuen Podcast „einfach frey“? Dort gehe ich all diesen neuen Gedanken nach. Ich freue mich, wenn du reinhörst.